Schweden – Tag 2: Ein Spaziergang durch Göteborg

“Das hier hat mit Schweden nix zu tun…“

Diese – eventuell etwas unbedachte und den zu diesem Zeitpunkt gute 15 km Fußmarsch in den Beinen geschuldete – Aussage kam mir tatsächlich angesichts der Frage, wie mein Eindruck von Göteborg so sei, über die Lippen. Warum ich die zweitgrößte Stadt Schwedens so abqualifizierte, dazu komme ich später.

Aber der Reihe nach:

Nach der gestrigen langen Anreise wurde nach dem Bezug unserer Herberge recht schnell das Bett aufgesucht. Der nächste Morgen startete mit einem sehr ordentlichen Frühstück von einem Buffet, welches keine Wünsche offen ließ.
Gut gestärkt ging es dann los, Göteborg zu erkunden. Mit der Straßenbahn ging es nun zum Startpunkt des vom besten Mitfahrer von allen angepriesenen „Stadtrundgang“. Dieser startete an den Saluhallen, einer hübsch eingerichteten kleinen Markthalle mit einigen Lebensmittelständen, Verköstigungsbetrieben und einem Metzger in Nadelstreifen.

Vor der Halle war auf einem Wasserlauf von Red Bull die Bühne für eine lustige „Tandem fahren und ins Wasser fallen“-Challenge aufgebaut, so dass einige originell verkleidete Teilnehmer das Leben rund um die Halle schmückten.


Nun führte uns ein beträchtlich langer Marsch an einer vierspurigen, von großen Baustellen gesäumte Straße entlang zum nächsten Ziel. Die Lungen voller Abgase erreichten wir dann Haga, das historische Stadtviertel Göteborgs. Hier sollte es mit der Nygata eine kleine Einkaufsstraße geben, deren Begutachtung laut Reiseführer geradezu zwingend sei.

Okay, die Straße ist tatsächlich einen Blick wert – und wer auf Kerzen, Seife aus Rentierfett, Glasbläsergedöns und handgehäkelte Hüte steht, wird hier ganz sicher auch fündig. Auch allerlei Cafés und Konditoreien laden zur „Fika“ ein. Allerdings war es extrem voll (naja, Samstagmittag 🤷‍♂️), dass es schon etwas nervig war. Immerhin gibt es dort die angeblich größten Zimtschnecken Schwedens…

Der nächste Anlaufpunkt war dann – weithin sichtbar – Skansen Kronan, ein mittelalterlicher Festungsturm. „Weithin sichtbar“ bedeutet im Allgemeinen, dass etwas auf einer Anhöhe liegt – und somit musste diese dann erklommen werden. Wege mit Warntafeln, die auf eine mehr als 10 %ige Steigung hinwiesen wurden ignoriert und ein zerstörerischer Marsch auf den Hügel wurde in Angriff genommen. Oben wurde dann festgestellt, dass der Turm geschlossen war, es aber immerhin einen schönen Blick über die Stadt gab.

Der Nachteil eines „Rundgangs“ liegt ja darin begründet, dass man irgendwann zum Startpunkt zurückmarschiert – und um einen zu locken, dies auch zu tun, legt man einige Attraktionen dann ans Ende, die bereits zum Start in greifbarer Nähe gewesen wären. Diese Erkenntnis führte zu einem kleinen Gefühlsausbruch meinerseits, der in Weinkrämpfen, lauten Schimpftiraden und körperlicher Gewalt gegenüber dreier Polizisten endete…naja, so schlimm war es dann doch nicht. Doch mussten wir, um zu meinem Favoriten, der „Festekörka“ („Fischkirche“) zu gelangen, den ganzen Weg wieder zurücklatschen – um dann auch noch bitter enttäuscht zu werden. Die Fischkirche ist – entgegen Ihres Namens – keine Kirche, sondern eine im Stil einer Kirche gebaute Fischauktionshalle. Davorstehend offenbarte sie sich uns als eher kleine „Kirche“ und drinnen als hochpreisiges Fischrestaurant. Hmmm, da hatte ich irgendwie etwas anderes erwartet. Den dort feilgebotenen Surströmming haben wir allerdings nicht verkostet… 😉

Der letzte Punkt auf unserem Marsch stellte dann mit dem Kronhuset Göteborgs ältestes Gebäude dar. Auch hier wurden wir enttäuscht. Zwar lernten wir, dass es zur Hälfte aus niederländischen und zur Hälfte aus schwedischen Klinkern besteht, aber eigentlich ist es ein altes Haus, das uns jetzt architektonisch nicht besonders beeindruckend erschien. Immerhin gab es im Innenhof eine Restauration wo man sitzen und ein alkoholfreies Bier genießen konnte.

Auf vielfachen Wunsch eines Einzelnen wurde der Stadtrundgang noch um die Königsstatue und einen Blick aufs Opernhaus (lohnt auch nicht) verlängert, bis wir dann schließlich im Hafen ein „Restaurang“ (ja, schreibt sich hier tatsächlich so) fanden, um uns an einem Salat zu laben.

Nach einer kleinen Straßenbahn-Odyssee (nur am Rande erwähnt, da zu kaputt, um sich zu ärgern…), erreichten wir letztlich unser Hotel – nach über 20.000 Schritten. Das hat dann auch gereicht.

Der Tag in der Stadt war – wenn man Resumee zieht – schon ganz angenehm: Das Wetter war toll, man hat das eine oder andere Schöne gesehen und konnte abschließend stolz darauf sein, eine Menge Kilometer erlaufen zu haben.

…und Göteborg? Naja, eine quirlige Großstadt. Laut, voller Menschen und dichtem Verkehr (…und Baustellen, Baustellen, Baustellen…). An einige Ecken wirklich ganz nett – aber letztlich wie jede andere Großstadt auch. Eben nicht das, was ich beim Gedanken an Schweden im Hinterkopf habe (rote Holzhäuser, wilde Natur – und Hygge…). Daher der schon eingangs erwähnte Ausspruch:

„Das hier hat mit Schweden nix zu tun…“

in diesem Sinne…

P. S.: Kleiner Spoiler: Das mit „Schweden – und wie es sein soll“ ändert sich… 😎

4 Kommentare zu Schweden – Tag 2: Ein Spaziergang durch Göteborg

  1. Im Frühjahr und etwas abseits der reimen Tourimagneten hat Göteborg schon seinen eigenen Zauber. Ich habe meine 6 Wochen in 2018 hier sehr genossen. Besonders direkt rund um Göteborg herum gibt es viel zu entdecken. Alleine das Inselhopping (mit regulärem Ticket für den Öffentlichen Nahverkehr) ist schon toll, wenn man etwas mehr Zeit hat.

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