Maltes Großbritannien-Tour – Tag 15 / 16 / 17

Nach einer kleinen Pause möchte ich mich zumindest kurz zu Wort melden.

Aktuell bin ich etwas frustriert und angenervt, so dass mir gerade etwas der Antrieb fehlt. Seit drei Tagen gießt es wie aus Kübeln (ich meine damit sintflutartige Wolkenbrüche…den ganzen Tag über), dazu stürmt es heftig und ist sehr kalt. Da ja auch die Tage zuvor schon oft genug viel Wasser von oben kam, geht mir das etwas an die Nieren.

Dazu kommt, dass ich am Sonnabend mein persönliches Waterloo erlebt habe. Dieses trat in Form sogenannter „Single Tracks“ auf den Plan – und hat mir dann doch ziemlich intensiv meine Grenzen aufgezeigt.

Aber fangen wir von vorne an. In Thurso startete ich morgens noch gut gelaunt bei trocknem Wetter, wenn sich im Hintergrund auch schon immer dunklere Wolken auftürmten. Der Wind war frisch, gab aber noch keinen Anlass zu Bedenken. Ich wollte weiter der NC 500 folgen, die von Thurso aus nicht zu verfehlen war, gibt es doch im Norden des schottischen Festlands wirklich nur sehr, sehr wenig Straßen. Wie wenig, würde sich im Verlauf des Tages noch offenbaren.

Irgendwann setzte der Regen ein, der Wind wurde kräftiger – und die Landschaft bergiger, ruppiger. Nun waren es nicht mehr die hügeligen Wellen, die die Straße formten, jetzt wurden es steile Rampen, Serpentinen und Routen an Steilhängen. Der Wind hatte nun in Böen Sturmstärke erreicht und auf den Bergkuppen und an den dem Wind zugeneigten Steilhängen wackelte die Dicke mit dem Dicken darauf schon sehr beträchtlich. In mir stieg schon eine leichte Angst auf, aber da es wenig Alternativen gab (…wenn ich oben auf einem Berg stand, musste ich ja auch wieder herunter…), war beißen angesagt – und so trieb ich mich, teilweise laut vor mich hin fluchend, weiter.

Als wäre das ganze noch nicht schlimm genug, verengten sich die Straßen zu den schon erwänten „Single Tracks“. Das sind Straßen, die gerade so breit sind, dass ein Auto Platz hat, zwei Autos aber nicht aneinander vorbei fahren können. Mit zwei Moppeds klappt das ganz gut, haben sie Koffer dran, wird es schon sehr eng – Auto und Mopped mit Koffern klappt dann meist schon nicht mehr. Damit der Verkehr dann trotzdem fließen kann, gibt es immer wieder Ausweichbuchten, in dem einer der „Kontrahenten“ ausweichen und den anderen vorbeilassen kann. Entsprechende Wege gibt es auf der Insel oft, ich bin sie auf dieser Tour auch schon häufiger gefahren. Bei schönem Wetter im Flachland ist das auch nicht so tragisch, zumal es sich meist nur um kurze Passagen handelt. Hier wurde es dann schon etwas kniffliger, da diese Konstellationen nun auch im kurvig-hügeligen Geläuf vorkamen, dazu noch der Wind mittlerweile so aufgefrischt hatte, dass ich beim Anhalten in den Ausweichbuchten wirklich zu tun hatte, nicht umgeweht zu werden. Gerade beim Anfahren ist es heikel, da die Stabilität eines Motorrades durch die Kreiselkräfte der Räder entsteht – und diese Kräfte sind beim Anfahren natürlich sehr gering. Die Ausweichbuchten präsentieren sich dazu auch gern in einem erbärmlichen Zustand – nach außen hin abfallend, mit Schlaglöchern und/oder Rollsplitt übersäht, zum Teil gar unbefestigt. All das mag der Motorradfahrer natürlich sehr gern. Zum Glück waren entgegenkommende Fahrzeuge eher selten, denn wer gurkt bei einem solchen Unwetter schon in der Wildnis umher, wenn er nicht unbedingt muss?

So arbeitete (ja, wirklich…) ich mich also Stück für Stück den Weg entlang, klatschnass und frierend und mittlerweile überzeugt, die nächstbeste Möglichkeit zu einer Rast auch gleich als Übernachtungsmöglichkeit zu wählen. Und dabei wäre es mir auch egal, was das Zimmer kosten würde. Mein Leben war mir wertvoller. Nun hatte ich ja schon erwähnt, dass es an dieser viel besungenen Traumstraße aufallend wenig Restaurationen und Herbergen gibt – und wenn, dann oft mit so kleinen Schildern ausgewiesen, dass man sie schlichtweg übersieht. Das passierte mir dann auch das eine oder andere Mal, aber bevor ich dann noch auf einem Single Track wende…nö, dann fahre ich lieber weiter.

Schließlich bog die NC 500 nach Rechts ab – und zu meiner Freude wurde neben dem Wegweiser direkt für ein Hotel in 8 Meilen geworben. Na, das klang doch vielversprechend. Meine bereits völlig am Boden liegende Laune schoss einem Burpee gleich in die Höhe – und voller Freude bog ich ab.

Die folgenden Stunden torpedierten die gute Laune dann leider vollends, führte mich der Weg dann doch über einen über 40 km (!!!) langen Single Track in wildesten Berg- und Talfahrten mit Steigungen und Gefällen von zum Teil mehr als 25 %. Reichte das alles noch nicht, rannten auch noch ständig Schafe und Lämmer auf der Straße herum.

Single Track in den Highlands (Archivbild)

Da man durch den Starkregen teilweise die Hand vor Augen nicht sehen konnte, rollte ich mit Schritttempo die Straße entlang.  Zum Glück zeigten sich die entgegenkommenden Autofahrer durchweg sehr zuvorkommend und rücksichtsvoll, so dass ich selten anhalten musste. An einer heftigen Steigung, bei ich dann direkt in einer Kurve einem Auto gegenüberstand, fuhr dieses dann rückwärts wieder hoch, um mich vorbei zu lassen.

Trotzdem war das ganze Spektakel insgesamt sehr nervenzerrend, so dass ich beim Erreichen des Hotels im Dörfchen Drumbeg nur noch ein Zimmer erbetteln wollte. Leider war das Hotel klein, der Andrang groß. Somit gab es kein Zimmer mehr. Aber die Dame des Hauses hängte sich dann direkt ans Telefon, um mal die umliegenden Hotels und B & Bs nach freien Zimmern zu interviewen. Leider sah das ganze sehr schlecht aus. Den Grund lieferte sie mir dann gleich mit. Durch das Unwetter wurden die Zelte vieler Camper davon- bzw. kaputtgeweht – und diese flüchteten nun alle ins Hotel. Plus Reisende wie mich und auch Wohmobilisten (man konnte mir von zwei umgewehten WoMos berichten…). Tja Pech…

Als mir dann die Dame sagte, ich solle es doch am Ende der Straße in dem Ort mal versuchen, das wären etwa 16 Meilen, brach ich dann völlig zusammen. Auf meine entgeisterte Frage, ob es denn so weitergehe (Single Track und so…), war ihre Antwort:

„Ja. In zehn Jahren werden wir zum Mars fliegen, aber wir werden hier noch keine vernünftige Straße haben. It’s horrible…“

Gut, dann mal weiter mit der Qual. Irgendwann wird man dann auch etwas (!!!) gelassener und geht die Sache mit mehr Risiko an – und ich musste mich bemühen, mich wieder etwas zu bremsen. Immerhin konnte ich diese furchtbare Straße unfallfrei hinter mir lassen. Und glaubt mir, ich übertreibe nicht, es war wirklich nicht schön!

Leider gab es dann im Umkreis kein einziges freies Hotel, so dass ich mich letztlich entschied, noch 80 km nach Inverness zu fahren, da hier freie Hotels zu angenehmen Preisen feilgeboten wurden – und die Stecke dorthin herrlich wellig mit langgezogenen Kurven und – vor Allem – zweispurig und gut ausgebaut war (ich kannte schon einen Teil von der Loch-Tour). Da konnte ich mich dann zum Schluss noch einmal richtig freifahren…

Trotzdem war ich am Tagesende dann wirklich richtig platt – und völlig verspannt von der Anspannung der Tour. Und trotzdem glomm am Ende dann ein kleines, ganz kleines Gefühl von Stolz auf, diese Tour gefahren zu haben. Und trotz allem Genörgel: Die Gegend ist schon richtig geil!

Ich bin durch schroffe, geradezu unwirklich wirkende Felslandschaften gefahren, blickte von Bergen auf Buchten mit weißem Sand und türkisem Wasser herunter, passierte Steilküsten mit gigantischer Brandung, quetschte mich durch tiefe Schluchten…grundsätzlich gigantisch. Leider gaben die Gegebenheiten keine Fotos her, denn Parkplätze sind rar gesät – und ehrlich gesagt hatte ich mit mir selbst in der Zeit auch genug zu tun. Sorry, ärgert mich auch etwas…

Gestern morgen erwachte ich durch das Plattern des Regens an meiner Scheibe direkt mit Kopfschmerzen. Ich habe mich dann zum Frühstück begeben, in diesem Zuge mein Zimmer verlängert – und mich nach dem Frühstück direkt wieder ins Bett gelegt. Den Rest des Tages habe ich dann mit „Seinfeld“ auf Netflix verbracht. Muss auch mal sein…

Der heutige Tag diente dann der Anreise nach Glasgow. Hier bleibe ich dann auch zwei Nächte, um mir morgen die Stadt in Ruhe anzugucken.

Bei meiner Abfahrt traf ich dann einen der vier mit mir im Hotel befindlichen deutschen Biker, deren Moppeds ich bereits am Vorabend gesehen hatte (vier Moppeds, drei Boxer-BMW). Bei einem kleinen Plausch erfuhr ich, dass es einen der anderen am Vortag (meinem Waterloo) auf einem Teilstück der von mir befahrenen Route in einer der Ausweichbuchten auf die Seite gelegt hat und er nun mit einem angeknacksten Knöchel die Heimreise antreten muss. Er selbst wäre bei einem Halt zum fotografieren ebenfalls in Schieflage geraten, aber ohne Blessuren seinerseits davongekommen – büßte allerdings einen seiner Außenspiegel ein. Somit bin ich ja durchaus glimpflich davon gekommen…

Nach der Abfahrt noch kurz einen Blick auf den Anfang (oder Ende) des kalendonischen Kanals in Inverness geworfen:

Die Tour von Inverness nach Glasgow war wenig abenteuerlich und somit wenig bemerkenswert. Es hat natürlich bis auf wenige Minuten ununterbrochen geregnet, es war windig – und es gab unterwegs in einem netten Café ein leckeres Sandwich mit Schinken, Brie und Preiselbeeren. Dazu wurden Tortilla-Chips und Salat gereicht.

Lecker…😋

Und noch ein paar Impressionen von der Autobahn:

Mein Bett befindet sich in einem äußerst merkwürdigen Konzept aus Jugendherberge und Wohnhaus. Einige der Appartments sind reguläre Mietwohnungen, andere werden als Zimmer vermietet. In einer der Wohnungen mittendrin befindet sich eine Art Rezeption (die zu finden war ein Abenteuer), die Rezeptionistin musste mich mit Hilfe eines Planes zu meinem Gemach navigieren. Mein sauberes Zimmer besteht aus drei Betten inkl. Bad, mit Zugang zu einer Gemeinschaftsküche mit Waschmaschine (Hurra!). Nicht luxuriös, aber mit 72 EUR für zwei Nächte durchaus preiswert. Also erstmal nix zu meckern…

In diesem Sinn…

P. S.: Der Autor nach einer anstrengenden Mopped-Etappe – hungrig, frierend, unrasiert…

8 comments on Maltes Großbritannien-Tour – Tag 15 / 16 / 17

  1. Hallo Malte,
    Das war dann aber eine riesen Leistung. Toll das du mal so in die Berge gehst. Das macht doch Mut auf mehr.

    Lieben Gruß

  2. Du hast es doch geschafft. Ich wiederhole mich: Du wolltest Abenteuer, da hast du sie. Und mal ein paar Tage an einem Ort gehören doch auch dazu. In diesem Sinne, lass dir jeden Dribk schmecken, du bist nicht auf der Flucht. Ich erwarte nach Rückkehr einen Rübezahlbart…

  3. Respekt!
    Da hätte nicht jeder durchgehalten. Bei schönem Wetter wären die single tracks sicherlich nicht so nervig und die Landschaft ein Quell der Freude gewesen.
    Ach ja, genau so, wie der Kerl im Spiegel, muß ein Highlander aussehen! 😉

  4. Hallo lieber Malte, wieder einmal ein großartiger Reisebericht, auch wenn es mit Reisen im herkömmlichen Sinne schon nichts mehr zu tun hat… wohl eher ein Horror Trip. Mit großer Bewunderung ob deiner Zähigkeit, wünsche ich dir jetzt nur noch gute, breitere Straßen und gutes Wetter!!! Überhaupt, das Foto von dir ist doch praktisch, solltest du einem bedrohlichen Ungeheuer, ähnlich Nessi, begegnen, könnte dein Konterfei hilfreich sein… Sorry Malte, bist ein feiner Jung.

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